Durch den Kupfer-Canyon führt eine faszinierende Bahnstrecke:
Im Kargen liegt die Schönheit
 
Los Mochis ist Ausgangspunkt für eine Fahrt auf einer der faszinierendsten Eisenbahnstrecken der Welt. Sie führt durch den mexikanischen "Barranca del Cobre", den Kupfer-Canyon. Er steht seinem "großen Bruder" Grand Canyon in Arizona in nichts nach.

Schon vor 6 Uhr steht der „Vista-Tren" auf Gleis 1 abfahrbereit. Fünf blaue Wagen gezogen von einer Fiat-Diesellokomotive, warten auf die Passagiere. Neben diesem Erste-Klasse-Zug gibt es noch den normalen Passagierzug (der etwas später fährt) und den "Autovia". Auf ihm verladen in erster Linie Amerikaner ihre Campmobile auf dem Weg von Texas an den Pazifik und zurück.

920,7 Kilometer sind es von Los Mochis bis nach Ojinga, der Grenzstadt nach Texas am Rio Bravo del Norte. 1902 begann man hier mit dem Weiterbau der Eisenbahnlinie auf mexikanischem Gebiet. Doch erst am 23. November 1961 konnte der mexikanische Präsident Lopez Mateos die Gesamtstrecke eröffnen. Nahezu 900 Millionen Dollar kostete das Gesamtbauwerk. Durch 86 Tunnel und über viele Brücken winden sich die Gleise bis auf eine Höhe von 2461 Metern.

In den Pullmansesseln läßt es sich bequem reisen, 48 000 Pesos (100 Mark, Pesos entsprechen rund 0,68 Stand Januar 1990) kostet das Ticket, einschließlich Platzreservierung, bis Divisadero, direkt am Kupfer-Canyon gelegen. Dann hat man in etwa die Hälfte der Strecke bis Chihuahua zurückgelegt. In der zweiten Klasse zahlt man 24 000 Pesos.

Mit lautem Hupen kündigt sich der erste Höhepunkt an. Die Diesellokomotive drosselt das Tempo, bleibt fast stehen. Bei El Fuerte, einem Fort aus dem Jahre 1564, wird in rund siebzig Meter Höhe der Rio Fuerte überquert. Mit 538 Metern ist es die längste Brücke der Strecke. Kein Geländer sichert den Zug. Im Schrittempo, Zentimeter für Zentimeter, wird der Fluß überquert.

An den Hängen blühen die Mandelbäume. Dazwischen Kapok-Bäume. Aus ihnen wird ein Rauschmittel hergestellt. Die rote Erde deutet auf kupferhaltiges Gestein hin. Daher auch der Name. Der erste Tunnel kommt. Zwei Kilometer lang. „Tunnel der Diebe" wird er genannt. Das Zugpersonal ist recht freundlich, macht immer wieder rechtzeitig auf den nächsten Höhepunkt aufmerksam.

An den Unterwegsstationen ist das Erscheinen des Zuges ein Ereignis. Kinder und Jugendliche verkaufen am Bahnsteig Fruchtsäfte, Cola, Tortillas, Tacos, Süßigkeiten, Schokolade, Kaugummis und vieles mehr. Für die mexikanische Großfamilie eine zusätzliche, wenn auch - bescheidene Einnahmequelle.

In mächtigen Kehren windet sich der Zug bei Bahuichiro durch das Tal. Die Schienen liegen in drei Ebenen am Hang übereinander. Nach zwei 180-Grad-Wendungen wird in einem Tunnel eine weitere Kehre um 180 Grad gefahren. Man merkt es nicht, wundert sich nur wenn man wieder herauskommt. Außerdem hat sich der Zug einige beachtliche Höhenmeter nach oben geschraubt. Wie in einem Schneckenhaus. Eine technische Meisterleistung wird in nicht einmal drei Minuten durchfahren.

Nach rund sechs Stunden Fahrt kommt Divisadero in Sicht. Zwanzig Minuten hat der Zug hier oben Aufenthalt. Man muß auf den Gegenzug aus Chihuahua warten. Zeit für die Passagiere, sich die Füße zu vertreten. Zeit, um bei den Indianerfrauen mit ihren Kindern am Bahnsteig etwas zum Essen zu kaufen. Auch Souvenirs hauptsächlich geflochtene Körbe, Webereien und Töpfereien, werden von den Indianerinnen in ihren bunten, farbenfrohen Kleidern angeboten. Sie gehören zum Stamme der „Turahumara". Weit verstreut leben sie in ihren Familienver-bänden in einfachen Hütten in dem weiten Canyon. Am Bahnsteig von Divisadero ist noch nichts zu sehen vom „Barranca del Cobre". Aber von dort sind es nur vierzig, fünfzig Meter bis zum Abgrund. Dort tut sich der ge-waltige Canyon auf. Einfach grandios, Wild zerklüftet die unzähligen Schluchten, die vielen kleinen und großen Seitentäler. Rote Felswände türmen sich auf, mal senkrecht abfallend, mal hoch aufgefaltet mit scharfem Grat. Ab und zu grüngelb überzogen. Grünspan hat dem kupferhaltigen Gestein die Farbe gegeben, Tief unten liegt das Bett des Rio Urique. Ohne Wasser, Immer wieder klebt ein vereinzeltes Indiohaus an den roten Felswänden, Schmale Pfade führen in die Tiefe des Canyons, Kiefern und Pinien sind hier beherrschende Pflanzen.
Der „Barranca del Cobre" ist einzigartig. Ist schon die Eisenbahnfahrt eine Reise wert, so wird sie von dem Blick in den Canyon noch übertroffen. Wer sich nicht sattsehen kann, hat die Möglichkeit, im Hotel „Cabana Divisadero" für 40 bis 5O US-Dollar pro Tag zu übernachten und am Abend vom Panoramafenster aus den Son-nenuntergang zu beobachten, wenn die Felsen glutrot in der Abendsonne leuchten. Tagsüber kann man in den Canyon hinunterwandern. In Creel, ein paar Kilometer weiter inRichtung Chihuahua, bietet eine Schweizerin, die seit Jahren hier lebt, geführte Touren zu den Turahumaras an. Der Preis ist Verhandlungssache. In Creel gibt es noch ein paar weitere Hotels.

Während der Rückfahrt macht sich die Dämmerung in den Tälern breit. Die Spitzen der Berge ringsherum werden tiefrot von der untergehenden Sonne angestrahlt. Schließlich leuchten Tausende und Abertausende von Sternen dem Zug der „Ferrocarriles Chihuahua Pacifico" den Weg aus den Bergen in die weiten Ebenen von Los Mochis.Sieben Stunden dauert die Talfahrt. Zusammen mit den sechs Stunden das Gebirge hinauf und dem Aufenthalt am „Barranca del Cobre" eine faszinierende Fahrt auf einer der schönsten Eisenbahnstrecken der Welt.


© Jürgen, Richter